Start Presse Zeitzeuginnenberichte vom Pogrom Westfälische Rundschau, 09.11.2008

Zeitzeuginnenberichte vom Pogrom Westfälische Rundschau, 09.11.2008

(Foto: Iris Kopitzki/PiLi)

Lünen-Süd. (IK/PiLi) Helena Apfels Vater gaben die drei vermummten Männer, die in der Nacht vom 8. auf den 9. November 1938 plötzlich im Schlafzimmer standen, keine Chance. Noch bevor er aufstehen konnte, fiel der Schuss. ...

... Die Kugel traf das Opfer in den Bauch. Die Besucherresonanz beim Erzählcafé gestern im Paul-Gerhardt-Haus anlässlich des Gedenkens an die Pogromnacht vor 70 Jahren war enorm, nur vereinzelt blieben Stühle unbesetzt. "Das zeigt, dass das Interesse doch noch groß ist an diesem historischen Tag", sagte Pfarrerin Andrea Ohm.

Helene Apfel hieß damals mit Familiennamen noch Kniebel, ihr Vater Siegmund mit Vornamen. Doch was war passiert, bevor die Männer in die Wohnung in der Jägerstraße 48 gedrungen waren? Sie erzählt aus der Sicht eines damals kleinen Mädchens, relativ gefestigt, wenn auch oft mit gequältem Blick und gerunzelter Stirn: Die Judenverachtung erlebte sie zum ersten Mal bereits 1933. Sie war wie üblich in der Schule. Plötzlich klopfte ein Parteimitglied an die Tür und wollte die Lehrerin sprechen. Diese kam nach wenigen Minuten mit verwirrtem Blick zurück und bat sie, mit dem Mann mitzugehen. Helene passierte damals nichts. Sie weiß nur noch, dass sie mit mehreren anderen jüdischen Schülern ein paar Tage nicht zu Schule gehen konnte. Danach "war die Schule noch die alte und doch eine ganz andere", sagte sie leise. Fünf Jahre später schlief sie im Bett in ihrem Zimmer, das an das ihrer Eltern grenzte. Gegen zwei Uhr morgens wurde es auf der Straße laut, Geschrei durchdrang die Nacht. Plötzlich wurden die Fensterläden herausgerissen, achtlos auf die Straße geschmissen, ein Schuss durchschlug ein Fenster. Dann hörte sie, wie jemand die Wohnungstür aufbrach - das angsterfüllte Mädchen rannte ins Schlafzimmer ihrer Eltern, sah die vermummten Gestalten und erlebte den Mord an seinem Vater. Auch der Jude Albert Bruch aus dem Haus gegenüber (Jägerstraße 45) starb in dieser Nacht, er war ebenfalls ermordet worden.

Helene Apfel war nicht im Erzählcafè. Das Interview mit ihr wurde bereits 1988 von Christoph Kock aufgezeichnet, damals Zivildienstleistender, der einen Dokumentarfilm über "Juden in Lünen" gedreht hatte.

Aber es waren zwei Gäste bei der Veranstaltung der Katholischen Kirchengemeinde, die alles aus unmittelbarer Nähe verfolgt hatten: Gertrud Gunia und Helena Sonnenberg, damals wohnhaft in der Jägerstraße 45 und 40. Wie Helene Apfel haben sie auch zuerst geschlafen und auch sie wurden durch unglaubliches Gebrüll aufgeweckt. "Und draußen auf der Straße schrien sie: ,Weg vom Fenster, weg, sonst schießen wir'", erzählte Gertrud Gunia. Aus Furcht hätten beide nicht auf die Straße geblickt. Aber das Geschrei, den Lärm, das Zerbersten der Scheiben der beiden Konfektionsgeschäfte, die Lüner Juden gehörten, das Kaputtschlagen von Gegenständen werden sie wohl nie vergessen. Am nächsten Morgen: "Alles war kaputt, die Möbel haben sie ihnen zerschlagen, die Textilien lagen im Dreck, überall flogen Federn von den aufgerissenen Decken herum", berichtet die Zeitzeugin. Die jüdischen Familien sahen sie nie wieder.