Start Presse Stolpersteine für ermordete Juden Westfälische Rundschau, 03.08.2009

Stolpersteine für ermordete Juden Westfälische Rundschau, 03.08.2009

Enkelin von Waldemar Elsoffer kommt

Margot Pogos lebt in Australien. Ihr Vater Werner Elsoffer wurde am 7. Januar 1921 in Lünen geboren, besuchte das Stein-Gymnasiuem, musste eine Lehre abbrechen, weil das Geschäft des Kaufmanns Rosenberg „arisiert” wurde. Sein Vater, Pogos' Großvater Waldemar Elsoffer, wurde in der Reichspogromnacht am 9. November 1938 von Lüner Faschisten gequält, an den Händen mit Draht gefesselt in die Lippe getrieben, umgebracht. Er war Jude. Wenige Wochen später, Ende 1938, emigrierte der 17-jährige Werner nach England, dann nach Australien. Im September wird seine Tochter, Waldemar Elsoffers Enkelin, zum ersten Mal nach Lünen kommen - auf Spurensuche.

Nach Stand der Dinge wird sie anwesend sein, wenn am 7. September im Gedenken an ihren Großvater vor dem Haus Cappenberger Straße 35c einer der ersten „Stolpersteine” in Lünen verlegt wird. Ein Zufall, sagt Stadtarchivar Fredy Niklowitz. Erst durch Margot Pogos hat er vom Verbleib des jungen Elsoffers erfahren. Ihre Anfrage erreichte ihn in einer Zeit, in der, so wusste er, eine kleine Gruppe Kontakt mit dem Kölner Künstler Günter Demnig aufgenommen hatte. Niklowitz versuchte die Termine zu koordinieren. Margot Pogos war bereit, ihre Reise zu verschieben.

Demnig reist seit fast einem Jahrzehnt durch die Republik. In Selm und Bork hat er Spuren hinterlassen. Kleine quadratische Messingstücke im Bürgersteig mit den Namen von Opfern der NS-Zeit, die dort wohnten. Ehe sie verhaftet, vertrieben, deportiert, umgebracht wurden. Juden, politisch Verfolgte, Homosexuelle, Sinti und Roma, Euthanasieopfer, Zeugen Jehovas.

Die Liste der jüdischen Opfer in Lünen ist „erschreckend lang”, sagt Apotheker Dr. Ulrich Seibel. Er ist Vorsitzender der Interessengemeinschaft Lünen-Süd. „Für uns war es selbstverständlich, mitzumachen.” Der Anstoß kam aus den Kirchengemeinden im Süden - im Anschluss an eine große Veranstaltung zur Pogromnacht im Jahr 2008 samt Erzählcafé. Pastorin Andrea Ohm gehört der Vorbereitgungsgruppe an, Stephan Wilhelm, katholischen Gemeinde, Siegfried Störmer, SPD, Ulrich Seibel und Helga Baak.

Die hörte davon, dass in der Jägerstraße 45 und 48 Stolpersteine für Siegmund Kniebel und Albert Bruch verlegt werden sollten. Beide wurden in der Pogromnacht von den Nazis erschossen. Die Familie ihres verstorbenen Mannes war befreundet mit Familie Samson in der Cappenberger Straße Nr. 7. Ihr Mann habe ihr erzählt, wie er als sechsjähriger Knirps auf der Treppe stehend jemanden rufen hörte: „Maria, Maria, den Bernhard treiben die Nazis in die Lippe.” Helga Baak hat recherchiert. Fand Maria Kraeling, seinerzeit im Haushalt der Schwiegerelten tätig. Heute ist sie 98. Ja, sagt Maria Kraeling, „Frau Samson ist dann die ganze Nacht im Hause Baak geblieben”. Bernhard Samson starb an den Folgen der Misshandlung im Fluchtort Dominikanische Republik.

„Stolpersteine sind gut, damit man ins Denken kommt”, sagt Helga Baak. Der Stein für Bernhard Samson geht auf ihr Konto. Der für Waldemar Elsoffer liegt den Sozialdemokraten Mitte am Herzen. „Wir haben mit den jetzigen Hausbesitzern gesprochen, sie eingeladen”, sagt Seibel. Schülerinnen und Schüler der Käthe-Kollwitz-Gesamtschule werden mitwirken, es wird Grußworte aus Kirche und Politik geben, einen würdigen Rahmen, im Tross will man von Süd in die Stadtmitte ziehen. „Die Anwesenheit der Enkelin Elsoffers ist uns wichtig.” Man wolle anregen, mehr Steine zu setzen, sagt Seibel, und wiederholt: „Die Liste ist lang.”

Westfälische Rundschau, 03. August 2008, Marion Wedegärtner